Archiv der Kategorie 'Traumwelten'

awake my soul.

Oh the shame that sent me off from the God that I once loved
Was the same that sent me into your arms

Mumford & Sons – Winter Winds

Ich begann einst, mich aufzulösen.
Nun kann ich nicht in die Verantwortung gezogen werden, für Dinge die ich sage, die ich mache, unterlasse. Ich bin verantwortungslos.

Die samtene Katze verfolgt mich. Einmal sprach ich zu ihr, schrie und flehte sie an. Doch sie legte nur gelassen ihren Kopf zur Seite und antwortete nicht auf meine Fragen. „Weißt du noch, wie wir durch den Sommer geflogen sind“, rufe ich, aber ich habe keine Ränder mehr. Ich höre nicht auf, an keiner Stelle, und es fällt mir nicht leicht zu sagen, ob es die Welt in mir ist, die explodiert oder die Welt außerhalb.

Kann ich noch eine Unterscheidung machen zwischen dir¹ wenn du mich küsst und einem großen, glatten Klotz aus Marmor? Gibt es diesen Unterschied oder ist er nur gedacht?
Ich laufe durch meine leuchtende virtuelle Welt und klicke die Dinge an, um mit ihnen zu interagieren. Dass ich Destruktion hinter mir lasse, scheine ich nicht zu bemerken. Ich wäre gerne gut zu dir.

wir erklommen die türme gefrieren unter den schneedecken zieren die stadt legt sich in einen tiefen winterschlaf.
ratten erstarren in den katakomben verlaufen unter unseren träumen kann ich noch, immerhin.
licht explodiert und ich atme etherwellen.
it’s been so long since I‘ve seen the ocean (I guess I should).²

„Die Welt außerhalb erkenne ich daran, dass sie der Veränderung unterliegt.“, sage ich und die samtene Katze nickt gewichtig. Ist sie Traum? Ich fasse sie an, wie ich dich anfasse und die Tage werden kürzer. Weit, weit entfernt brandet auch jetzt die See an die Klippen; das gibt mir die Gewissheit, dass ich noch bin.
Noch scheint die Sonne durch die weißen Vorhänge (in einem Strandhaus? In einer Arztpraxis?), schon stehe ich auf der Straße, von Laternen beleuchtet. Die Nacht ist warm, ich gehe und fühle mich wie ein Engel. Erst als ich bemerke, dass ich renne wird mir bewusst, dass die Straße nie aufhört.

C H A O S .

Dann liege ich wieder in den Armen einer rissigen Marmorstatue und wühle mich in mir selbst.
„Es tut mir Leid“, will ich sagen, denn ich empfinde Schuld. Dafür kann ich doch nichts.

Jetzt habe ich den Prozess der Auflösung beendet. Jetzt weiß ich wieder, wo die Welt so anmutig explodierte: In meinem Kopf.
Und ich reibe über deine schläfrigen Augen um zu sagen, dass alles gut wird.

_____________

¹ : Das „Du“ ist beliebig; der Leser/ die Leserin kann „Ich“ an seine Stelle setzen oder einen anderen Namen.
² : Textzeile aus Counting Crows – A Long December

Sandsturm.

Meine Haut schmeckt nicht mehr nach Salz.
Der Regen hat die dicke Kruste fortgespült, hat Schlamm und Sand mit sich gerissen und nur der Nachhall dieser Umarmung bleibt. I miss you already.

Das Meer ist mein Verbündeter; meine Komplizin. Und wenn ich mich flehend, bebend auf die Knie werfe und Schlick und Wassermassen meine Beine umspülen, so werde ich wissen, was ich mir einst von der stürmischen See versprach. Maybe the summer will come and clear our minds. Das Meer nicht!, rufe ich, das Meer nicht! Das Meer ist genauso dazed and confused wie ich es bin, wenn ich das dunkle Wasser erblicke.

Aber ich wollte nicht vom Sturm schreiben; nicht von äußeren Metaphern für innere Bilder; nicht von all dem Sand. Ich wollte von der Ausgelassenheit berichten, vom Losgelöstsein und vom Glück in die Wellen zu springen. Aber in Wirklichkeit ist das Meer zu groß und ich zu müde, als dass ich noch irgendetwas sagen könnte. Nur, dass meine Haut nicht mehr nach Salz schmeckt.

Je ne want pas another autumn.

Tagelang saß er damals an der gedeckten Tafel, saß und starrte und probierte hin und wieder von den süßen Speisen. Die Winde wehten nicht während dieser Zeit und nicht einmal eine Fliege summte. Es muss eine unwirkliche Ruhe geherrscht haben, stelle ich mir vor. Kein Spiel der Welt hätte laut genug sein können um die Dichte der Luft in diesem Raum zu durchdringen.

Er hatte vom Krieg geträumt, erzählte er später. Kaum jemand schenkte seinen Worten Beachtung, er galt in diesen Tagen als ein Spinner und Nimmersatt. Als der Krieg kurze Zeit später wirklich ausbrach war er schon in Vergessenheit geraten. Die Leute hatten ihre eigenen Sorgen und Probleme; ihre eigenen Pakete die sie durch die Welt tragen mussten und der Krieg schürte nur die Angst. Das Vergessen war die süße Droge der Leute. Es half ihnen, mit allem umzugehen.

Dass die Mahlzeit verrottete und auch der hölzerne Tisch auf dem sie angerichtet war, interessierte nun niemanden mehr. Er hätte sich darum gekümmert, denke ich. Aber er war fort, hatte seinen Traum mit sich genommen und versuchte vielleicht an einem anderen Ort Unruhe zu stiften. Vielleicht wird der Krieg einmal vorbei sein und die Leute werden wieder über ihn reden. Dass sie etwas Gutes zu sagen haben werden, glaube ich kaum. Er hatte sich erbrochen, damals, doch die Leute hatten die Augen geschlossen, weil die guten Sitten es ihnen geboten.
Mir war so übel, sagte er einmal, mir war so schlecht.

Auch ich habe jahrelang erfolglos versucht, die glatten Wände zu erklimmen.

Den Vögeln brecht ihr solang die Schwingen, bis sie sich nach Käfigfrieden sehnen.

Ich komme nicht umhin, alles mit einer gewissen Traurigkeit zu betrachten. Wer garantiert mir, dass ich morgen noch bin, was ich bin? Wer garantiert mir, dass gut ist, was ich bin? Muss ich nicht jetzt leben um werden zu können, was ich sein will? Ich kann tausendmal von Freiheit schreiben und tausendmal von Freiheit träumen. Ich kann feurige Reden halten und nichts davon wahr machen.

Es war Nacht und ich saß auf einer Kinderschaukel. Bis zu den Sternen sollten meine Füße fliegen; bis zu den Sternen wollte ich abheben. Doch auch kurz vor der Schwerelosigkeit noch, fühlte ich die eiserne Umarmung der Konventionen.

Ich muss eine mündige Bürgern werden. Ich muss freundlich und leise sein und in eurer Schablone leben. Wenn ihr Zweifel seht, dann sprecht ihr von Eventualitäten; von Möglichkeiten und von Sicherheit. Aber eure Schubladen sind mir zu eng; ich kann schlecht atmen darin. „Ohne Schublade keine Sicherheit!“, sagt ihr und schaut gleich weg denn eures Sieges seit ihr sicher.

„Sophismus!“, denke ich mir, „Alles Gerede; dabei wisst ihr nicht einmal woher ihr das habt. Was bedeutet denn Sicherheit? Woher wollt ihr denn wissen, dass die so wichtig ist?“ Und gleichzeitig ruckele ich ein bisschen um es mir in der Schublade bequemer zu machen. Ich versuche schon, mit den Lippen eure Worte zu formen. Auch ich werde morgen von Sicherheit reden. Manchmal denke ich schon heute daran. Noch ist mir schlecht dabei und ich bin froh, dass mir schlecht ist. Aber auch gegen Übelkeit habt ihr ein Mittel.

Eines Nachts werde ich mit den Füßen den Himmel streifen. Ein Stern kann mir vielleicht sagen, in welche Richtung ich soll.

Enough of me.

Die Welt scheint dumpf durch den Regen.
Die klare, kalte Bauweise des Gebäudes und mein leeres Inneres verstärken das Gefühl der Entfremdung zusätzlich. Ich bin gefangen in einem Raumschiff, im ewigen Regen, in einer Blase voller Fruchtwasser. Hier gehöre ich nicht hin; mir scheint, dieser Ort will mich fort von sich stoßen. Will mich abweisen wie ein Gore Tex-Mantel das Wasser.

Ich wandere in dem Gebäude herum. Auto-Skelette und hundert oder mehr Esspressomaschinen umgeben mich. Kleine Tusche-Zeichnungen von Pferden und von sich liebenden Menschen hängen an der Wand. Jedes Wort, das ich laut ausspreche, wird tausendfach widerhallen. Ich vermute das zumindest. Nicht, dass es Worte für das Chaos in meinem Kopf gäbe.

Und doch, meine Stimme hat mich nicht verlassen. Ich kann nicht an mich halten und gehe auf eine der stummen Personen zu, die offenbar irgendwo außerhalb von mir existieren. „Entschuldigen Sie“, sage ich durch den dicken Nebel, „Ist dieser alte Mac tatsächlich nur so klein?“ Die Person hebt ihr graues Gesicht aus dem Schatten, von dicken Staubschichten bedeckt, die abzukratzen unmöglich sind.

„Das ist der Fortschritt. Hier sehen Sie die Geschichte der Technik, angereichert auf einem kleinen Tisch. Früher war das unvorstellbar. Es ist immer alles weiterentwickelt worden, immer alles verfeinert und verbessert worden. Das Material aus dem das ist, ist nahezu unverwüstlich. Es gibt so viel Müll auf der Welt, so viel Müll. Und alles worum sie sich scheren, ist es die Technik weiterzuentwickeln. Das ist der Kreislauf. Aber jetzt sind sie soweit, jetzt haben sie das Material gefunden. Ich darf das noch gar nicht sagen, noch ist es geheim. Aber es ist unzerstörbar, das müssen Sie sich einmal denken: Unzerstörbar.
Diese kleinen Roboter könnten wir losschicken und sie könnten alles sauber machen, alles von dem Müll reinigen, den die Menschen machen. Sie selber sind unverwüstlich, sie bleiben nirgendwo liegen und verrotten. Nein, sie werden immer weiter emsig Müll einsammeln, so stelle ich mir das vor.
Die Orte der Ruhe, sie sind so wichtig. Aber darauf achtet niemand mehr, niemand bedenkt, dass es solche Orte zu erhalten gilt. Überall sind die Abgase, der Lärm. Überall sind wir im Stress, aber wir merken das nicht. Deswegen sind die Orte der Ruhe so wichtig, so unglaublich wichtig.
Es gilt sie zu erhalten und die Roboter könnten dabei helfen. Es sollte keine Autos mehr in den Städten geben, dann wäre die Luft besser. Im Schwarzwald da irgendwo, da gibt es eine Stadt, vielleicht kennen Sie die? Dort fließen nur Bäche in der Stadt und es gibt in der Innenstadt keine Autos. Dort ist die Luft besser, das sollte es öfters geben solche Orte der Ruhe. Auch innerhalb der Zivilisation, verstehen Sie?
Aber die Roboter können zu einer besseren Welt beitragen, das glaube ich. Das ist meine Vision, können Sie das verstehen?“

Zum Antworten komme ich nicht, die Person spricht immer weiter, wird immer weitersprechen. Ich bin gefangen in diesem Redeschwall, unfähig mich zu rühren. Ich werde immer hier stehen bleiben. Meine innere äußere Stimme sagt leise zu mir: „Offenbar gibt es viel zu sagen, offenbar hat diese Person sich schon lange nicht mehr unterhalten.“

Trotz allem noch immer die Eventualitäten.

Früher habe ich das Spiel noch mitgespielt. Es war aufregend und neu. Ich schlüpfte in verschiedene Rollen und beobachtete interessiert die Reaktionen meines Mitspielers. Ich hielt mich immer genau an die Regeln und so konnte ich nur gewinnen.
Doch mit der Zeit begann das Spiel mich zu langweilen. Schon ganz am Anfang wusste ich, wie es ausgehen würde: Es ging immer so aus.

Ich beschloss, die Regeln zu brechen, einfach gar nichts mehr zu tun und den Gegner in die Offensive zu lassen. Was passierte, wunderte mich: Das Spiel nahm seinen Lauf, ganz genau so wie wenn ich mitspielen würde. Merkte mein Gegner nicht, dass ich aufgegeben hatte? Dass ich statt mit meiner gewissen Taktik einfach gar nicht mehr spielte? Oder war es ihm egal?
Nur aus Interesse hatte ich Ehrlichkeit an die Stelle der Koketterie gesetzt; Stille anstatt der netten Lügen.
Es hätte mehr passieren sollen, das hätten meine nicht-Bemühungen verdient gehabt. Aber alles blieb beim Alten.

Das nächste mal werde ich wieder mitspielen. Davor werde ich aber im Stillen die Regeln ändern.

All the dreams we held so close seemed to all go up in smoke.

Ach, wir ersticken an den geküssten Küssen –
werden uns fremd
und finden nichts dabei.

Früchte des Zorns – Was ist eigentlich Liebe?

Dass die Explosion kommen würde, das war schon lange klar. Wie die Explosion genau aussehen sollte allerdings, war weniger offensichtlich. Ein Gehirn, das schon viel zu lange nicht mehr richtig funktionierte geschändet durch Schlafmangel und Gedanken: Ein Mensch der schwankt.

Fallen lassen ist so einfach. Einfach und schön. Dann bleiben Spuren zurück, aber von Begegnung und Berührung habe ich schon zu oft erzählt. Die Frage, ob Zweifeln erlaubt ist ist noch immer nicht geklärt. Spielt das eine Rolle? An die Regeln hält sich schon lange niemand mehr. Auch der Mensch, der schwankt, nicht. Er steht mit dem Blick nach vorne in der verendenden Welt und wartet noch immer auf den Knall.

Der Knall kommt. Viel leiser als gedacht.

Erst als der Mensch schon zerfetzt am Boden liegt, wird ihm bewusst, dass die Explosion von innen kam. Die Organe liegen zermalmt um das Zentrum, um das taube Gehirn, herum. Leise Musik weht von irgendwoher über den Körper, während alles Leben aus ihm weicht. Fallen lassen ist so einfach. Einfach und schön. Aber der kleinste gemeinsame Nenner ist manchmal die größte mögliche Verwirrung.

Auch das kann passieren.

Porajmos.

[wer zusammenhänge mag, hört hier auf zu lesen.]

Ich möchte einfach ausbrechen können. Schleierenten und Schleiereulen sitzen am Straßenrand; sie klatschen Applaus. Die Vorstellung war auch großartig, wie konnten Sie das nur verpassen? Doch gegen Ende des Abends zählt nur, wer miterlebt hat. Mitgefühl, glaub ich kaum. Aber wer kümmert sich noch darum? Vorallem möchte ich ein Leben leben. Zählt wirklich die reale Länge in Relation zur möglichen Menge? Eure Gedankengänge widern mich an.

Ich bin zu müde um mich an meine Gedanken zu erinnern. Ich wollte von Repression sprechen und von Gewalt. Stattdessen spreche ich immer nur davon, wovon ich nicht spreche. Immer und immer wieder. Eine Schleiereule legt ihren Kopf zur Seite, sie scheint nachzudenken. Hat das Drama seinen Höhepunkt erreicht? Gegen das Lachen können wir alle nichts tun. Gehört es zur Handlung? Müssen wir unsere Scham offenbaren; Röte im Gesicht für die Unfähigkeit der Anderen?

Arroganz vernichtet. Schon für diese zwei Worte muss ich arrogant sein, schon für diese zwei Worte gehöre ich gesteinigt. Aber die Müdigkeit lässt alles rechtferttigen.
Eine Rechnung: 100 * 365 + 100/4 * 2 sind die Stunden die ich weniger schlafe als es sich gehört. Etwa. Und 25 Jahre kürzer leben? Ich glaube nicht daran. Was ich schreibe ist nicht zu begreifen, nicht fassbar. Es ist nicht einmal Poesie. Missbillgend schütteln die Schleierenten ihre Schnäbel: „Wir sind Fiktion, aber du glaubst an uns. Zu naiv, zu naiv bist du, es ist nicht zu fassen!“

Insomnia sollte mein Lieblingswort sein. Insomnia und insanity. „Sie lassen sich aber leicht aus dem Konzept bringen…“ „Wie…? Wie meinen Sie das? Was… habe ich etwas falsch gemacht?“ Der Vollmond brummt sein einsames Lied und der frische Tau der Pflanzen klebt auf meinen Wangen. Ein weiterer Versuch, zu schlafen.

Tags Leben; Krieg des Nachts.

Irre Schatten, lauft nur zu eurer Süchte Ziel;
Niemals gelingt es, eure wütende Gier zu stillen.


Charles B.

Einmal mehr ist mein Fernweh zu groß, als dass mich mein Leben hier nicht furchtbar langweilen würde.Ich stelle mir die Welt als einen spannenden Ort vor, doch Konventionen und Verpflichtungen halten mich davon ab, ihn zu erkunden. Ich werde nie intelligent genug sein, um das Gefühl zu haben, etwas zu wissen. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und je mehr ich lerne, desto machtloser lässt mich die Unwissenheit werden.

Als Kind fragte ich einmal: „Wem gehöre ich“.
Die Antwort die ich darauf erhielt, war die größte Lüge die mir jemals aufgetischt wurde: „Du gehörst nur dir selbst.“

Vielleicht braucht es diesen Sommer nur eine Handbewegung um dich zu verscheuchen. Wahrscheinlich bist du längst schon fort. Auch ich will weg, nicht dir folgen dieses Jahr, sondern leben. Ein pathetischer Ausdruck, eigentlich, und viel zu unpräzise für das, was ich will. Nicht auf der Stelle stehen bleiben. Den gesunden Menschenverstand hinter mir lassen. Aber das ist ja vermessen. Eigentlich würde ich nur gerne Worte finden.

Heute Nacht habe ich von Bleizucker geträumt. Da war eine Weltmacht, die sich selbst zugrunde richtete; impotent zelebrierten sie wütend ihr Ende.

Candy says: „I‘ve come to hate my body“.

Louise machte Konversation. Das konnte sie natürlich gut. Entweder sie unterhielt sich und langweilte sich dabei heimlich furchtbar oder sie unterhielt sich nicht. In diesem Fall kam es oft vor, dass sie die Zunge von irgendwem in ihrem Rachen wiederfand und ihre Arme um einen fremden Hals geschlungen. Hin und wieder musste sie dann Aufklärungsarbeit leisten: Auf ein „Ich liebe dich“ antwortete sie viel zu oft „Aber du kennst mich doch gar nicht!“. Im Grunde genommen hasste sie das, aber das änderte ja nichts.

Die Welt überkam Louise. Sie konnte nichts dagegen tun, sie konnte die Welt nicht aufhalten. Sie konnte nur hoffen, dass die Unterhaltung bald vorbei, die andere Zunge bald aus ihrem Mund verschwunden war. Sie wartete ab, dass die Nacht vorrüber ging. Ausharren nannte sie das. Weshalb sie ausharrte und nicht einfach nach Hause ging, das konnte sie niemandem erklären. Zu naiv waren ihre Gründe, zu lächerlich war das, was sie hoffte. Denn eigentlich ging es ihr um sowas wie diese Liebes-Sache: Immer noch träumte sie davon, in den Armen einer vernünftigen Person aufzuwachen, die nicht etwa sagte: „Meine Güte, du bist ja immer noch da!“, sondern eher sowas wie „Komm, ich mach uns Frühstück!“.

Louise war im Kopf ein vernünftiger Mensch; sie war sich bewusst, dass solche Fantasien nicht ihre Realität werden würden. Aber die Welt überkam Louise. Es war nicht an ihr, sich gegen ihre Naivität aufzubäumen. Nacht für Nacht harrte sie aus, wurde Kumpel oder Körper und versuchte sich zu erinnern, wer sie eigentlich werden wollte.

Louise machte Konversation. Plauderte noch im Delirium munter weiter und erklärte natürlich jedem der es wissen wollte, dass sie nicht an die Liebe glaubte. Nein, kein Problem, nicht dass wir uns falsch verstehn! Nur, um sich wieder jemandem um den Hals werfen zu können. Heimlich langweilte sie das und heimlich überkam sie hin und wieder ein starker Brechreiz. Aber Louise hatte keinen Navigator, der ihr sagte: „Hier geht’s zum schönen Leben!“. Louise musste selbst nach dem schönen Leben suchen und dazu fehlte ihr die Motivation. Sie dachte sich lieber, dass alles gut sei wie es war. Dass die Unterhaltungen und die Zungen in ihrem Rachen nur zu einem Lifestyle gehörten, den sie sowieso leben wollte. Louise glaubte sich auch manchmal und freute sich dann.

Louise war eine riesengroße Lügnerin.