Archiv der Kategorie 'Gedichte & Poetry'

Die Waffe.

Gestern kam mein Nachbar mich besuchen, in meiner baufälligen Wohnung voller Schutt und Müll. Er sagte, dass er sich eine Pistole gekauft hätte; er wollte sich umbringen. Der Putz bröckelte von den Wänden und ich schenkte ihm codeinhaltigen Hustensaft in ein trübes Glas ein. Mein Nachbar war ein nikotinfarbener Mensch, eingefallen und unscheinbar. Er sah aus, wie das Haus in dem wir lebten und er roch nach nichts. Sein Haar klebte an seinem durchsichtigen Schädel und als er trank wölbte sich sein Brustkorb, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Er begann zu reden und er sprach von Träumen und Kindheit und von einem Mann, den er einst geliebt hatte. Ich langweilte mich und wollte ihn nicht rausschmeißen, er würde sich ja doch etwas antun und wem gäbe ich dann den Hustensaft zu trinken? Sicher, manch einer dachte, dass ich genau so verrückt wäre, wie mein Nachbar und wer weiß, ob das nicht am Ende gar stimmte. Aber die Menschen waren doch alle verrückt, so nett sie waren, mit ihren Sehnsüchten und Begierden und alle meinten es nur gut und waren doch verantwortlich für ihren eigenen Ruin. Ich hatte kaum Sehnsüchte und Begierden. Ich hatte die Bilder in meinem Kopf, die zu glorreichen Geschichten gehörten und ich hatte die Wohnung, in der ich darauf warten konnte, dass das Haus über mir zusammenbrach. Mein Nachbar redete, wie alle reden und ich dachte daran, dass es schön wäre, wenn die Menschen sich für einander interessierten. Es würde sicherlich nichts ändern, am Tod und an alledem, aber es würde das Leben angenehmer machen. „Wie wichtig wir doch alle sind“, sagte ich, als mein Nachbar eine Pause einlegte und er sah mich an, als würde er mich verstehen. „Sie sehen mich an, als würden Sie mich verstehen“, sagte ich. Ich verriet ihm nicht, dass niemand irgendwen verstand und er verriet mir nicht, dass ich selbst mich für zu wichtig hielt. Alle tun das, hätte ich ihm dann entgegnet. Es machte keinen Unterschied, ob wir sprachen, oder nicht. Auf den Straßen gingen die Lichter an und die Menschen heim. Auch von der Nacht versprechen wir uns so viel. „Es haut nicht hin.“, sagte mein Nachbar gerade und ich sah auf, da ich das Selbe gerade gedacht hatte. Die Grenzen zwischen uns verschwammen und ich wusste nicht mehr, ob mein Nachbar nur ein Teil des Bildes war, an dem ich gerade arbeitete. Es passierte mir öfter, dass ich vergaß, was real war und was ich mir ausgedacht hatte, aber ich wusste nicht, ob es wichtig war, diese Unterscheidung überhaupt zu machen. Ich klopfte vorsichtig auf mein Bein, um zu überprüfen, ob ich echt war und war mir dann ziemlich sicher darüber. Aber jetzt, in der Erinnerung, kann ich auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob es mich gestern gab und ob es die Wohnung schon gab, in der ich jetzt lebe. Ich kann mir nicht sicher sein, ob mein Nachbar hier war, auch wenn das klebrige Glas darauf hindeutet und ebenso der Schal, den er liegengelassen hat. Aber das sind nur Indizien, so wie alles auf der Welt nur Indizien sind, für die Richtigkeit unserer Erinnerung und dafür, dass wir die Dinge auf eine akzeptable Weise verrichten. Deswegen versuchen wir alles zu beweisen, indem wir fotografieren und schreiben und über das sprechen, was wir erleben. Ich male. Gestern habe ich eine große, glänzende Waffe gemalt, vor einem blütenweißen Hintergrund. Das Bild trocknet noch und die Waffe ist geladen. Möglicherweise möchte ich nicht, dass mein Nachbar sich umbringt.

Ich wünschte ich würde mich für Tennis interessieren.

Würden wir uns einfach ein Auto klauen oder ein paar Pferde stehlen, dann könnten wir uns aufmachen in den Sonnenuntergang oder in die Nacht, wie es eher unser Stil ist. Den Sommer könnten wir damit verbringen den Wind im Haar zu spüren und das Meer zu suchen. Biertrinkend würden wir uns Anekdoten aus früheren Sommern erzählen und die Musik würde aus dem Auto- oder Handyradio schallen. Passend zum Sommer würden wir Sommerlieder hören und bestimmt würde einer von uns sagen, dass auf diese Weise der Sommer nie enden würde. Wenn er dann enden würde, würden wir die ganzen Bierflaschen in die Pfandautomaten im Supermarkt schmeißen, das Auto bunt bemalen und die Pferde in die Freiheit entlassen oder umlackieren und dann könnten wir dicke Socken anziehen um Tee zu trinken.
Würden wir uns einfach ein Auto klauen, mitten in der Nacht, dann würde bestimmt alles ziemlich denkwürdig werden.

Du hörst nur das Meer in deinem Kopf.

Und auf einmal liest du irgendwo das Wort „Meer“ und um dich wird es still. Du kannst dich nicht mehr konzentrieren, egal wie wichtig die Aufgabe ist, die du hattest; du kannst keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Gestern, da war ich am Meer. In meinem Kopf. Da war die Welt unwirklich, der Himmel war viel zu blau und es hat so sehr gewindet, wie es im Süden eigentlich gar nicht sein kann. Ich habe gemerkt, dass ich auf der Welt laufe, habe vorsichtig einen Fuß vor den anderen gesetzt; da, so mitten auf der Welt. Und in meinem Kopf waren die Dünen und in meinem Kopf war das Salz. Ich war mir so sicher, dass ich jetzt angekommen bin; endlich wieder am Nabel der Welt, an dem einzigen Ort an dem ich Rastlose zur Ruhe komme.
Ich wär gern mit dir am Meer gewesen, vielleicht beide schweigend in unsere eigenen Gedanken vertieft aber so, dass wir die Nähe des Anderen noch irgendwie spüren können. Du magst das Meer auch, das finde ich gut.
Und als ich da so in die Ferne blickte, hab ich mich gewundert wie es sein konnte, dass meine Kindheit stattfinden konnte, ohne dass ich sie am Meer verbracht hab.
Gestern da war ich am Meer in meinem Kopf und hab mich über die Welt gewundert, die so anders geworden ist.

I love you in the morning.

Busfahrer zu sein, ist bestimmt ein bisschen so wie seine Unschuld zu verlieren.

Eilig und naiv rennen die gehetzten Büromenschen über den Busbahnhof; laut und die-offene-Wodkaflasche-unter-dem-Mantel-versteckend nehmen sich Jugendliche nachts selbstverständlich das Recht in den Bus einzusteigen. Denn in der Regel sind diese Orte nur Nebenschauplätze. Kaum ein Beobachter verharrt hier lange, kaum eine Tragödie spielt sich hier ab. Nur ein weiterer Durchgang auf der Reise in die Nacht; auf dem Weg ins Einkaufszentrum; nur ein Mittel zum Zweck.

Armeen von Rauchern, Flaschensammlern; Lesenden und Shoppenden versammeln sich hier. Es ist ihr Ort. Es ist mein Ort. Auch du kannst hier sein. Es ist dein Ort. Es ist ein guter Ort, denn das wirkliche Leben ist für uns alle anderswo. Haben sich die zwei besten Freundinnen hier gestritten? Ist der alte Fahrradfahrer kürzlich hier umgerempelt worden? Es ging nicht um den Ort. Trotz allem wird dieser Ort spätestens morgen wieder unbefleckt sein. Mit einem Schmunzeln werden wir ihn betrachten; wenn wir uns entfernen, dann vergessen wir ihn.

Höchstens als Metapher für einen Moment hat er in unseren Köpfen Platz. Höchstens ein Bild für einen Zeitraum, ein Gefühl, eine Erinnerung. Nie ist da mehr, bis wir unsere Unschuld verlieren und Busfahrer werden. Denn dann sind wir der Ort.

Die Göttin gab sich die Ehre…

…und hatte heute ihr Debüt als Poetry Slammerin. Sie war ungeheuer aufgeregt und hat das hier zum Besten gegeben. Und dann noch folgendes:

Und eines Tages waren wir plötzlich groß, ahnungslos
stehen wir jetzt da und warten,
warten darauf aufzuwachen, krachen
immer wieder voll gegen die Wand, hirnverbrannt,
dass wir immer noch dran glauben,
glauben wir könnten wieder klein sein, Sonnenschein
intensiv wahrnehmen, Benehmen
Benehmen sein lassen, Grimassen
schneiden, ausgelassen entscheiden
was wir tun wollen – und was nicht

Stattdessen sitzen wir jetzt hier
und reden und trinken Bier
und…
Moment! Seit wann trinken wir eigentlich Bier?
Fanden wir das früher nicht schrecklich, wenn das jemand gemacht hat?

Aber anscheinend sind wir plötzlich groß geworden, morden
unsere Kinderträume, Schäume
an die wir glaubten, raubten
uns Nacht für Nacht den Verstand, allerhand
dass wir sie jetzt vernichten,
vernichten all unsere Vorsätze, Schätze
die man unterschätzt, jetzt
sind wir jedenfalls groß

Wollten wir das nicht immer?
War nicht das genau das, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben?
Nicht mehr klein sein sondern klein…

…kariert. Desillusioniert durch’s Leben treiben, schreiben
keine Geschichte mehr, keine Geschichten mehr, leer
im Herz, Schmerz
spürn wir schon lang nicht mehr intensiv, lief
gestern Abend nicht das Fußballspiel?, Ziel
um Ziel aufgegeben leben
wir jetzt vor uns hin, immerhin
sind wir jetzt groß.