Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Feed me diamonds.

Tausend Sachen.
1. Ich blogge praktisch nicht mehr. Das macht nichts, denn ich mache einen Haufen anderer Dinge und bin, glaube ich, eh nicht so das Internet-Genie, das super interessante Sachen macht und die Leser_innen damit bei Stange hält (vor allem fehlt halt die Regelmäßigkeit, ne? Ich find’s auch super blöd, wenn auf meinen Lieblingsblogs länger nix passiert)
2. In den letzten Monaten machte ich eine Millionen Pläne für irgendwelche Blogs, die ich gerne schreiben würde: Ein Foodblog, weil ich Essen so gut finde; ein Tumblr mit Fragen an den Feminismus, weil ich super viel Zeit damit verbringe, mir feministische Blogs durchzulesen und trotzdem längst nicht alles verstehe; ein feministisches Blog namens „Octopussys Garden“, weil ich das so witzig finde; ein feministisches Foodblog; ein gewöhnliches Modeblog, damit ich auch zu so Blogger_innen-Treffen eingeladen werde; eine total professionelle Website, auf der ich Werbung dafür mache, dass ich Autorin werden mag, damit ganz viele Verlage mich mit Kusshand annehmen; tausend andere Dinge. Wird aber alles nichts, auch wenn ich mir jetzt schon einige URLs weggekrallt habe.
3. Zu den „Fragen an den Feminismus“: Zwei Blogartikel, durch die ich mich in meinen Gedanken relativ gut verstanden fühle: Çay trinken und Ausschluss und Anschluss
4. Liebe Eichhörnchen und Einhörner, Dankeschön, das war es auch schon wieder: Eigentlich nur ein Alibi-Blogeintrag, damit ich gegen Ende des Jahres vielleicht möglicherweise wenn ich Lust dazu habe so einen Rückblick-Eintrag verfassen kann, ohne dass der letzte Blogeintrag tausend Jahre her ist.

copypaste.

Ich will über den Tod Unbekannter schreiben und die Sätze sind gut, aber es gibt keinen Zusammenhang. Wenn Unbekannte sterben, dann sind das jene Leute, die auf erfundenen Böden keine Spuren hinterließen. Weit weg und es gibt keinen Zusammenhang: zwischen den Sätzen und den Unbekannten und mir. Die Unbekannten, die sterben, die haben kein Leben gelebt, keine Träume geträumt und es gibt Leute, für die sie nicht unbekannt waren.
Wenn Unbekannte sterben, die den Tod fürchten, dann ist das Kunst. Schlingensief. Herrndorf. Madame Hortense sowieso.
Wenn Unbekannte sterben darf man nicht zu sehr trauern. Wenn Bekannte sterben muss man trauern. Wo fängt eigentlich eine Begegnung an?

Ich habe heute begriffen, nur begriffen, denn gelernt habe ich das schon vor einiger Zeit, dass ich meine Texte editieren darf. Das nicht immer das erste das beste Wort ist. Furiose Feuerwerke der Sprache entstehen also oft nicht mit einem Knall.

Kapitulation.

An neuen Orten schreiben lernen. Das Schreiben, das ich vergessen habe, die verstummten Stimmen in meinem Kopf. In der tiefsten und kältesten Mitte des Winters hatten wir schon längst nicht mehr an ein Ende geglaubt und heute glaube ich nicht mehr daran, unsterblich zu sein. Es ist dann Sommer geworden. Jetzt weht der warme Wind durch das Fenster und auf den Feldern vor der Stadt wächst das Getreide in dem Jugendliche Modefotos machen. Es ist unfair, dass ich nicht unglücklich und verunsichert bin, während die Leute, die ich liebe von den Planken springen. Im Moment ist die Ruhe für mich Abenteuer genug und da ist ja die Ferne, die auf mich wartet und die neuen Abenteuer die dieser Sommer bereithält. Ich verbringe Nächte im Park, redend oder schweigend, mit Menschen, mit denen ich reden und schweigen kann. Ich verbringe Tage vor Büchern oder mit dem Verfassen von belanglosen Textstücken, die in riesigen Universitätsarchiven langsam vermodern werden. Doch heute sind mir Belanglosigkeiten genug. Ich weiß jetzt, dass ich noch immer so jung bin, dass ich meine Pläne ändern kann, auch wenn meine Pläne gut sind. Ich werde vielleicht in einer Großstadt wohnen oder in einer kleinen Hütte am Meer. Jetzt wohne ich noch hier und es ist gut genug – genug! mit der Rechtfertigung. Ich will wieder schreiben lernen, an all den Orten, die der Sommer für mich bereithält und wenn ich mich nach einer Küche gesehnt habe, aus der an einem staubigsonnigen Morgen Beatleslieder zu mir dringen, dann habe ich sie für’s Erste gefunden. Ich habe heute Nein gesagt, weil ich heute die Ruhe brauche um meine Belanglosigkeiten zu pflegen. Vielleicht werde ich auch morgen wieder Nein sagen oder an einem anderen Tag. Ich bin auch ein wichtiger Mensch.

Die Waffe.

Gestern kam mein Nachbar mich besuchen, in meiner baufälligen Wohnung voller Schutt und Müll. Er sagte, dass er sich eine Pistole gekauft hätte; er wollte sich umbringen. Der Putz bröckelte von den Wänden und ich schenkte ihm codeinhaltigen Hustensaft in ein trübes Glas ein. Mein Nachbar war ein nikotinfarbener Mensch, eingefallen und unscheinbar. Er sah aus, wie das Haus in dem wir lebten und er roch nach nichts. Sein Haar klebte an seinem durchsichtigen Schädel und als er trank wölbte sich sein Brustkorb, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Er begann zu reden und er sprach von Träumen und Kindheit und von einem Mann, den er einst geliebt hatte. Ich langweilte mich und wollte ihn nicht rausschmeißen, er würde sich ja doch etwas antun und wem gäbe ich dann den Hustensaft zu trinken? Sicher, manch einer dachte, dass ich genau so verrückt wäre, wie mein Nachbar und wer weiß, ob das nicht am Ende gar stimmte. Aber die Menschen waren doch alle verrückt, so nett sie waren, mit ihren Sehnsüchten und Begierden und alle meinten es nur gut und waren doch verantwortlich für ihren eigenen Ruin. Ich hatte kaum Sehnsüchte und Begierden. Ich hatte die Bilder in meinem Kopf, die zu glorreichen Geschichten gehörten und ich hatte die Wohnung, in der ich darauf warten konnte, dass das Haus über mir zusammenbrach. Mein Nachbar redete, wie alle reden und ich dachte daran, dass es schön wäre, wenn die Menschen sich für einander interessierten. Es würde sicherlich nichts ändern, am Tod und an alledem, aber es würde das Leben angenehmer machen. „Wie wichtig wir doch alle sind“, sagte ich, als mein Nachbar eine Pause einlegte und er sah mich an, als würde er mich verstehen. „Sie sehen mich an, als würden Sie mich verstehen“, sagte ich. Ich verriet ihm nicht, dass niemand irgendwen verstand und er verriet mir nicht, dass ich selbst mich für zu wichtig hielt. Alle tun das, hätte ich ihm dann entgegnet. Es machte keinen Unterschied, ob wir sprachen, oder nicht. Auf den Straßen gingen die Lichter an und die Menschen heim. Auch von der Nacht versprechen wir uns so viel. „Es haut nicht hin.“, sagte mein Nachbar gerade und ich sah auf, da ich das Selbe gerade gedacht hatte. Die Grenzen zwischen uns verschwammen und ich wusste nicht mehr, ob mein Nachbar nur ein Teil des Bildes war, an dem ich gerade arbeitete. Es passierte mir öfter, dass ich vergaß, was real war und was ich mir ausgedacht hatte, aber ich wusste nicht, ob es wichtig war, diese Unterscheidung überhaupt zu machen. Ich klopfte vorsichtig auf mein Bein, um zu überprüfen, ob ich echt war und war mir dann ziemlich sicher darüber. Aber jetzt, in der Erinnerung, kann ich auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob es mich gestern gab und ob es die Wohnung schon gab, in der ich jetzt lebe. Ich kann mir nicht sicher sein, ob mein Nachbar hier war, auch wenn das klebrige Glas darauf hindeutet und ebenso der Schal, den er liegengelassen hat. Aber das sind nur Indizien, so wie alles auf der Welt nur Indizien sind, für die Richtigkeit unserer Erinnerung und dafür, dass wir die Dinge auf eine akzeptable Weise verrichten. Deswegen versuchen wir alles zu beweisen, indem wir fotografieren und schreiben und über das sprechen, was wir erleben. Ich male. Gestern habe ich eine große, glänzende Waffe gemalt, vor einem blütenweißen Hintergrund. Das Bild trocknet noch und die Waffe ist geladen. Möglicherweise möchte ich nicht, dass mein Nachbar sich umbringt.

Nebelnacht.

Die Vögel auf dem Baukran erheben sich und sehen aus wie wie die taumelnden Blätter, die durch den Nebel fallen. Durch den Nebel; der Nebel, der alles ertränkt. Ich ersaufe darin, ersaufe in Herbst und in Belanglosigkeit. So viele Stunden geredet und keinen Eindruck geschunden. So viele Stunden zugehört und nichts gelernt. Die Uhr rennt immer schneller; schlägt immer heftiger. Ein Leben vergeudet: Die größtmögliche Tragödie.
Schiffe fahren durch den Nebel und rammen die Vögel, die ihre filigranen Flügel gen Himmel recken und zu Boden fallen. Totes Laub. Die Straßenkehrmaschine. Die Uhr.
Wie viel Zeit bleibt noch um zu erschaffen? Müssen wir nicht egoman sein, um zu überleben? Die Zeit zersplittert in unseren Köpfen und bricht über uns zusammen. Der Baukran zerstört.

Forces pulling from the center of the earth again.

Im Winter kämpfen die Tiere. Vor dem Kampf wetzen sie ihre langen, geschwungenen Hörner am glatten Granit um dann ihre Köpfe mit den glänzenden Dolchen gegen die Köpfe der anderen Tiere zu schlagen. Für die Tiere gibt es keine Kompromisse. Sie kämpfen, bis das silberne Blut aus dem Herzen des Rivalen fließt und sie ihre Brust zum Siegesschrei schwellen können. Die Vorderhufe in die Luft geworfen und die Hörner gegen den Himmel gestreckt. Ganz gleich, welchen Schaden sie davontragen. Ganz gleich, ob ihr Kopfschmuck lädiert ist. Es ist Krieg bei den Tieren und es kann nur einen Sieger geben.

Wenn es Sommer ist, lange bevor die Kämpfe beginnen, liegen sie träge da. Sie sind umgeben von Hüllen; sind geschützt durch Plazenten, eingerichtet nach ihrem Geschmack. Vielleicht denkt so manches Tier über die Notwendigkeit des Krieges nach, aber im Winter machen sich alle fein für das blutige Spiel. Manche der Hüllen sind aus Glas und nehmen Schaden durch den kalten Wind. Andere Tiere aber haben ihre Hüllen ausgestopft mit Plüsch. Sie verstecken sich in den Hüllen und sind sich sicher, dass nichts diesen Schutz zerstören kann.

Und wenn der Winter kommt, dann kämpfen die Tiere. Sie wetzen ihre langen, geschwungenen Hörner am Granit bis sie vor Schärfe glänzen. Sie wetzen die Hörner um zu morden. Und wenn das silberne Blut fließt, dann gibt es nur einen Sieger.

angedeutete zeichnung der tiere

Ich muss ja gar nicht jeden Knochen haben, eigentlich will ich doch all den armen Knochen helfen.

Theater hat heute nicht nur den Anspruch zu unterhalten sondern auch, spätestens seit Brecht, auch den Anspruch, auf Missstände aufmerksam zu machen und die Betrachter_innen zum Nachdenken anzuregen. Das Landestheater Tübingen versucht das auf vielerlei Weise, aber um sich die Möglichkeit frei zu halten, auch kurzfristig und aktuell sein zu können, wurde die Spielreihe „Schnelle Stücke“ entwickelt. Da normalerweise der Spielplan etwa anderthalb Jahre im Voraus entsteht, ist es sonst schwierig sowohl auf Theater-Neuentdeckungen, als auch auf Aktuelles einzugehen.

In einem der Schnellen Stücke war ich vorige Woche. Genauer gesagt im Schnellen Stück #3, den „Lebensansichten zweier Hunde“ von Meng Jinghui nämlich. Es handelt von zwei Wanderarbeiter_innen in China, die von der Provinz in die Stadt ziehen um ihr Glück zu suchen. Das Selbstbild ist das zweier armer Streuner, zweier Hunde. Sie arbeiten und werden verprügelt, kümmern sich umeinander und verlieren sich wieder. Sie bekommen zu spüren, wie hart die Stadt zu Leuten ist die, wie sie, versuchen ihr Leben möglichst lebenswert zu gestalten. Und sie sind wütend und singen wütende Lieder. Lieder, die Brecht vielleicht nicht in seinen Stücken verwendet hätte. Lieder, die mehr zu der Zeit und zur Identitätssuche in einem Wirtschaftswunderland wie China passen. Der in Tübingen unter Freund_innen der experimentellen Musik hoch geschätzte Thomas Maos ist dabei für die Musik zuständig, während Sascha Werginz und Media Gheorghiu-Banciu nicht nur, aber vor allem, die zwei Hunde überzeugend darstellen.
„Lebensansichten zweier Hunde“ ist wieder so ein Stück, über das man auf Grund seiner Komik oft lachen will und kann, obwohl es eigentlich ein ernstes gesellschaftspolitisches Problem unserer Zeit beschreibt. Wenn Ihr es sehen wollt, dann habt ihr nur noch HEUTE (und mit heute meine ich den Tag, an dem das hier veröffentlicht wird) die Gelegenheit dazu. Um 20 Uhr im LTT-Oben in Tübingen. Ich würde sagen, dass es sich schon auf Grund der Musik lohnt!

so perfekt/ bury all your secrets in my skin.

Ich war einmal einsam. Ich wusste, dass ich nur warten müsste, wie beim Schach, wenn ich warten muss bis ich den richtigen Zug machen kann aber manchmal dachte ich, dass ich vielleicht schon vor diesem Zug Matt gesetzt werden könnte. Mein Leben hat sich schon immer um diese „Tage X“ gedreht: Das erste aufgeschürfte Knie, die erste allerbeste Freundin, der erste Kuss, die erste Enttäuschung, die erste Reise allein, das erste Mal Autofahren. Und dann das nächste aufgeschürfte Knie, die nächste allerbeste Freundin, der nächste Kuss, die nächste Enttäuschung, die nächste Reise allein, das nächste Mal Autofahren. Das Abitur, die erste eigene Wohnung, das erste Buch veröffentlichen, das erste Kind. Die Welt entdecken. Und zwischen den X-Tagen waren die langweiligen Schachzüge, die, die sein müssen um zu dem Punkt zu kommen, an dem man sein möchte.

Ich war einmal einsam. Ich dachte, dass meine Königin schon das Feld verlassen und mein König resigniert hätte. Gab mir wenig Mühe und dachte wenig nach; zumindest bei diesem einen Spiel: Andere Spiele spielte ich erfolgreicher nebenher. Und nicht alle Spiele muss man gewinnen, nicht? Ich setzte die Figuren lustlos und dachte nie daran, dass ich noch einmal einen Tag X auf diesem Feld finden würde.

Ich war einmal einsam. Ich war einmal. Denn mitten auf dem Schachbrett standst dann du und obwohl ich keinen Ehrgeiz hatte, zu dir zu gelangen, bin ich es dann doch irgendwie. Jetzt halte ich deinen Kopf in meinen Armen und wundere mich, wo der Tag X war. Wundere mich über die Sanftheit, die uns umschlossen hält und über den Gefallen, den ich daran finde. Ich vergrabe mich in dir und bin manchmal, wie ich sein will.

Cry baby cry.

Auch ich habe rote Zeichen in meinem Kalender. Tag für Tag zähle ich herunter, male mir das Leben aus: Wie es aussehen wird, wenn es beginnt. Bei den seltenen Gelegenheiten, an denen ich starke alkoholische Getränke mit Limonade mische, entscheide ich mich meist schon bevor die Nacht am einsamsten ist, dass es Zeit zu gehen ist. Die Kälte zerfrisst mich und die Nervosität und Unsicherheiten tun es ihr gleich. Wenn mir kalt ist, dann versenke ich mich in kochend heißes Wasser und statt eines Eistee-Forts habe ich mich in Schokolade eingemauert. Baby, did you forget to take your meds? Ich zweifle, ängstige mich und weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Endlose Tage reihen sich aneinander, an denen ich die schnell gerauchten Zigaretten mit Chai Latte herunterspüle und meine Hände an den Englischaufgaben wärme. Alles ist mir zu viel, dabei mache ich doch gar nichts. Trying my best not to forget.

CUT. So stelle ich mir einen Tag vor, der irgendwann kommen wird: Ich wache auf, weil jemand in einer Küche Kaffee macht und Spiegeleier. Im Radio, das in der Küche steht läuft „Cry baby cry“ von den Beatles und das Licht ist von einer rotorangenen Farbe, wie in meiner Kindheit. Ich muss nichts und ich kann mich an keinen Termin und an kein Soll erinnern. Enjoy yourself. Alles was ich mache, mache ich, weil ich es möchte.
Im Regal steht ein Buch, das ich geschrieben habe.

Schneegestöber.

Ich hab‘ nach Schnee gestöbert; richtiger: Ich hab‘ den ganzen Winter auf Schnee gewartet, den ich fallend fotografieren kann. Heute morgen hat es ein klitzekleines bisschen geschneit. Eigentlich ist ‚geschneit‘ auch schon übertrieben, aber einige Schneeflocken sind heruntergefallen, ich habe sie aufgestöbert und geknipst. Das ist kein besonders großartiges Bild, aber immerhin das erste von mir, auf dem ich tatsächlich fallenden Schnee festgehalten habe.

(Anmerkung: Dass der Schnee kaum erkennbar ist, das habe ich nicht bedacht. Das liegt an der Größe des Bildes. Aber mir egal, die Farben sehen trotzdem nach Eisprinzessinnenballerinas und Wintermärchen aus. Find‘ ich.)