Archiv für Februar 2013

Die Waffe.

Gestern kam mein Nachbar mich besuchen, in meiner baufälligen Wohnung voller Schutt und Müll. Er sagte, dass er sich eine Pistole gekauft hätte; er wollte sich umbringen. Der Putz bröckelte von den Wänden und ich schenkte ihm codeinhaltigen Hustensaft in ein trübes Glas ein. Mein Nachbar war ein nikotinfarbener Mensch, eingefallen und unscheinbar. Er sah aus, wie das Haus in dem wir lebten und er roch nach nichts. Sein Haar klebte an seinem durchsichtigen Schädel und als er trank wölbte sich sein Brustkorb, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Er begann zu reden und er sprach von Träumen und Kindheit und von einem Mann, den er einst geliebt hatte. Ich langweilte mich und wollte ihn nicht rausschmeißen, er würde sich ja doch etwas antun und wem gäbe ich dann den Hustensaft zu trinken? Sicher, manch einer dachte, dass ich genau so verrückt wäre, wie mein Nachbar und wer weiß, ob das nicht am Ende gar stimmte. Aber die Menschen waren doch alle verrückt, so nett sie waren, mit ihren Sehnsüchten und Begierden und alle meinten es nur gut und waren doch verantwortlich für ihren eigenen Ruin. Ich hatte kaum Sehnsüchte und Begierden. Ich hatte die Bilder in meinem Kopf, die zu glorreichen Geschichten gehörten und ich hatte die Wohnung, in der ich darauf warten konnte, dass das Haus über mir zusammenbrach. Mein Nachbar redete, wie alle reden und ich dachte daran, dass es schön wäre, wenn die Menschen sich für einander interessierten. Es würde sicherlich nichts ändern, am Tod und an alledem, aber es würde das Leben angenehmer machen. „Wie wichtig wir doch alle sind“, sagte ich, als mein Nachbar eine Pause einlegte und er sah mich an, als würde er mich verstehen. „Sie sehen mich an, als würden Sie mich verstehen“, sagte ich. Ich verriet ihm nicht, dass niemand irgendwen verstand und er verriet mir nicht, dass ich selbst mich für zu wichtig hielt. Alle tun das, hätte ich ihm dann entgegnet. Es machte keinen Unterschied, ob wir sprachen, oder nicht. Auf den Straßen gingen die Lichter an und die Menschen heim. Auch von der Nacht versprechen wir uns so viel. „Es haut nicht hin.“, sagte mein Nachbar gerade und ich sah auf, da ich das Selbe gerade gedacht hatte. Die Grenzen zwischen uns verschwammen und ich wusste nicht mehr, ob mein Nachbar nur ein Teil des Bildes war, an dem ich gerade arbeitete. Es passierte mir öfter, dass ich vergaß, was real war und was ich mir ausgedacht hatte, aber ich wusste nicht, ob es wichtig war, diese Unterscheidung überhaupt zu machen. Ich klopfte vorsichtig auf mein Bein, um zu überprüfen, ob ich echt war und war mir dann ziemlich sicher darüber. Aber jetzt, in der Erinnerung, kann ich auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob es mich gestern gab und ob es die Wohnung schon gab, in der ich jetzt lebe. Ich kann mir nicht sicher sein, ob mein Nachbar hier war, auch wenn das klebrige Glas darauf hindeutet und ebenso der Schal, den er liegengelassen hat. Aber das sind nur Indizien, so wie alles auf der Welt nur Indizien sind, für die Richtigkeit unserer Erinnerung und dafür, dass wir die Dinge auf eine akzeptable Weise verrichten. Deswegen versuchen wir alles zu beweisen, indem wir fotografieren und schreiben und über das sprechen, was wir erleben. Ich male. Gestern habe ich eine große, glänzende Waffe gemalt, vor einem blütenweißen Hintergrund. Das Bild trocknet noch und die Waffe ist geladen. Möglicherweise möchte ich nicht, dass mein Nachbar sich umbringt.