Archiv für Juli 2012

Ich muss ja gar nicht jeden Knochen haben, eigentlich will ich doch all den armen Knochen helfen.

Theater hat heute nicht nur den Anspruch zu unterhalten sondern auch, spätestens seit Brecht, auch den Anspruch, auf Missstände aufmerksam zu machen und die Betrachter_innen zum Nachdenken anzuregen. Das Landestheater Tübingen versucht das auf vielerlei Weise, aber um sich die Möglichkeit frei zu halten, auch kurzfristig und aktuell sein zu können, wurde die Spielreihe „Schnelle Stücke“ entwickelt. Da normalerweise der Spielplan etwa anderthalb Jahre im Voraus entsteht, ist es sonst schwierig sowohl auf Theater-Neuentdeckungen, als auch auf Aktuelles einzugehen.

In einem der Schnellen Stücke war ich vorige Woche. Genauer gesagt im Schnellen Stück #3, den „Lebensansichten zweier Hunde“ von Meng Jinghui nämlich. Es handelt von zwei Wanderarbeiter_innen in China, die von der Provinz in die Stadt ziehen um ihr Glück zu suchen. Das Selbstbild ist das zweier armer Streuner, zweier Hunde. Sie arbeiten und werden verprügelt, kümmern sich umeinander und verlieren sich wieder. Sie bekommen zu spüren, wie hart die Stadt zu Leuten ist die, wie sie, versuchen ihr Leben möglichst lebenswert zu gestalten. Und sie sind wütend und singen wütende Lieder. Lieder, die Brecht vielleicht nicht in seinen Stücken verwendet hätte. Lieder, die mehr zu der Zeit und zur Identitätssuche in einem Wirtschaftswunderland wie China passen. Der in Tübingen unter Freund_innen der experimentellen Musik hoch geschätzte Thomas Maos ist dabei für die Musik zuständig, während Sascha Werginz und Media Gheorghiu-Banciu nicht nur, aber vor allem, die zwei Hunde überzeugend darstellen.
„Lebensansichten zweier Hunde“ ist wieder so ein Stück, über das man auf Grund seiner Komik oft lachen will und kann, obwohl es eigentlich ein ernstes gesellschaftspolitisches Problem unserer Zeit beschreibt. Wenn Ihr es sehen wollt, dann habt ihr nur noch HEUTE (und mit heute meine ich den Tag, an dem das hier veröffentlicht wird) die Gelegenheit dazu. Um 20 Uhr im LTT-Oben in Tübingen. Ich würde sagen, dass es sich schon auf Grund der Musik lohnt!