Archiv für Februar 2012

Cry baby cry.

Auch ich habe rote Zeichen in meinem Kalender. Tag für Tag zähle ich herunter, male mir das Leben aus: Wie es aussehen wird, wenn es beginnt. Bei den seltenen Gelegenheiten, an denen ich starke alkoholische Getränke mit Limonade mische, entscheide ich mich meist schon bevor die Nacht am einsamsten ist, dass es Zeit zu gehen ist. Die Kälte zerfrisst mich und die Nervosität und Unsicherheiten tun es ihr gleich. Wenn mir kalt ist, dann versenke ich mich in kochend heißes Wasser und statt eines Eistee-Forts habe ich mich in Schokolade eingemauert. Baby, did you forget to take your meds? Ich zweifle, ängstige mich und weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Endlose Tage reihen sich aneinander, an denen ich die schnell gerauchten Zigaretten mit Chai Latte herunterspüle und meine Hände an den Englischaufgaben wärme. Alles ist mir zu viel, dabei mache ich doch gar nichts. Trying my best not to forget.

CUT. So stelle ich mir einen Tag vor, der irgendwann kommen wird: Ich wache auf, weil jemand in einer Küche Kaffee macht und Spiegeleier. Im Radio, das in der Küche steht läuft „Cry baby cry“ von den Beatles und das Licht ist von einer rotorangenen Farbe, wie in meiner Kindheit. Ich muss nichts und ich kann mich an keinen Termin und an kein Soll erinnern. Enjoy yourself. Alles was ich mache, mache ich, weil ich es möchte.
Im Regal steht ein Buch, das ich geschrieben habe.

Schneegestöber.

Ich hab‘ nach Schnee gestöbert; richtiger: Ich hab‘ den ganzen Winter auf Schnee gewartet, den ich fallend fotografieren kann. Heute morgen hat es ein klitzekleines bisschen geschneit. Eigentlich ist ‚geschneit‘ auch schon übertrieben, aber einige Schneeflocken sind heruntergefallen, ich habe sie aufgestöbert und geknipst. Das ist kein besonders großartiges Bild, aber immerhin das erste von mir, auf dem ich tatsächlich fallenden Schnee festgehalten habe.

(Anmerkung: Dass der Schnee kaum erkennbar ist, das habe ich nicht bedacht. Das liegt an der Größe des Bildes. Aber mir egal, die Farben sehen trotzdem nach Eisprinzessinnenballerinas und Wintermärchen aus. Find‘ ich.)

„Das ist Paolo und Paolo schläft auf Pappe.“

Ich habe schon einmal eine Theaterrezension geschrieben. Über „Gespräche mit Astronauten“ war das, auch am Landestheater Tübingen aufgeführt. Schon einmal? Auch? Richtig geraten: Jetzt gibt’s wieder eine Theaterkritik, ebenfalls von einem Stück, das derzeit am LTT gespielt wird. Warum ich das mache? Das letzte Mal gab’s Freikarten und dieses Mal war ich sowieso mit meinem Literatur und Theater-Kurs „Partnerklasse“ des Stücks und hab einfach Lust dazu.

BENEFIZ – JEDER RETTET EINEN AFRIKANER“ ist der Name des Stücks und genau darum geht’s eigentlich: Um einen Benefizabend für Afrika. Eva, Christine, Leo, Rainer und Eckhard sind fünf sehr unterschiedliche Menschen die aus sehr unterschiedlichen Gründen diesen Abend erfolgreich gestalten wollen. Die eine findet es politisch unkorrekt, eine schwarze Freundin zu bitten an dem Abend mitzuwirken, da sie vorgeführt würde; der andere ist der Meinung, dass es politisch unkorrekt sei, sie auszuschließen – ‚nur weil sie schwarz ist‘. Ingrid Lausund ist zumindest in Tübingen mittlerweile ein bekannter Name (wie das in anderen Städten so aussieht, weiß ich leider nicht, da ich da nicht so viel in der Theaterszene rumhänge), seit ungefähr jeder junge Mensch sich von ihrem Stück „KONFETTI! – EIN ZAUBERABEND FÜR POLITISCH VERWIRRTE“ begeistern lies. Sie macht auch noch andere coole Sachen, beispielsweise hat sie mit Beatrix von Pilgrim „lausundproductions“ gegründet, „eine Produktionsgesellschaft, die freie Theaterproduktionen international realisiert“ (so steht es in der Pressemappe geschrieben). Mit BENEFIZ zeigt sie geschickt viele Fragen, Zweifel und den ein oder anderen Zwiespalt auf, der so manchem Gutmenschen kommt wenn er sich mit „Afrika“ und „Entwicklungshilfe“ auseinandersetzt. Ist wirklich jeder Mensch gleich viel Wert? Oder ist doch mein Kumpel Andy mehr wert als mein Bekannter Ben, zumindest für mich, weil ich den Andy lieber mag? Wem helfe ich? Ist es sinnvoller, in die zu investieren, die noch eine Chance im Leben haben könnten oder lieber in die, bei denen es um’s pure Überleben geht? Und, die beinahe spannendste Frage im Stück wie ich fand, warum kann ich heute für Afrika spenden und morgen den selben Geldbetrag guten Gewissens für einen Cocktail ausgeben? Wie viel Lebensstandard darf ich haben, wenn andere um ihr Leben kämpfen? Schade fand ich einzig, dass nie die Frage im Raum stand, wie sinnvoll diese Art von Entwicklungshilfe an sich ist. Ob man mit Geldspenden nur die Symptome und nicht aber die Ursachen bekämpft und ob es andere Möglichkeiten gibt, nachhaltiger zu helfen. Aber im Grunde genommen kann man das auch kaum erwarten, von einem Stück, das zwei Stunden geht, sehr unterhaltsam und kurzweilig ist und wahrscheinlich jedem im Publikum den ein oder anderen Spiegel vorhält. Denn Theater kann, darf, muss kontrovers und aktuell sein; alle Fragen der Weltpolitik an einem Abend behandeln, das muss es nicht.

Und BENEFIZ macht sogar mehr, als es muss. Es wird nicht nur vom Helfen gesprochen, es wird auch tatsächlich versucht, zu helfen. Das Stück und jede Inszenierung (also nicht nur die in Tübingen, sondern auch in anderen Städten!) ist an das Projekt „Eine Schule für Bissau“ gekoppelt. Nach dem Stück kann das Publikum tatsächlich spenden und diese Spenden unterstützen den Ausbau und die Unterhaltung einer Schule im westafrikanischen Guinea-Bissau. Das sorgt übrigens für viel Verwirrung, wenn nach der falschen Probe für einen falschen Benefizabend plötzlich echte Spendenkästen an den Ausgängen stehen. Bei der Premiere vergangenen Freitag haben viele der Zuschauer_innen die Spendenboxen einfach ignoriert und das, obwohl Leo am Schluß eine feurige Rede darüber hält, dass eigentlich 51% Überzeugung genügen um zu spenden.