IM ZWEIFEL FÜR DEN ZWEIFEL.

Mit einem Lächeln und seinen Küssen auf den Lippen verließ sie das Haus. Die Luft roch nach Frühlingsregen, endlich Frühlingsregen! In einigen wenigen Wochen schon würde es wieder die kleinen Schnecken geben, wegen denen sie jeden Morgen furchtbar vorsichtig sein müsste, damit sie keine zertrat.
Vor einigen Stunden hatte sie ihn beim Schlafen beobachtet, hatte die Konturen seines Gesichtes betrachtet und sich gefragt, warum sie neben genau ihm lag. Was unterschied ihn von anderen Männern, was machte ihn anziehend für sie? Sie war zum Entschluss gekommen, dass ihn gar nichts unterschied, war von ihm abgerückt und hatte über sich selbst den Kopf geschüttelt. Hatte den Übergang von seinem Hals zu seinem Kopf betrachtet und sich gewundert. Wo vor wenigen Tagen noch Worte der Schönheit in ihrem Kopf waren war nun Rauschen.
Sie war auf seinen Balkon über der Stadt gegangen um die Häuser zu betrachten und um Abstand zu gewinnen. Mit einem Mal verabscheute sie den Balkon, verabscheute die Aussicht auf die Häuser und darauf, hier noch öfter zu stehen und den Morgen anzusehen und zu rauchen. Aber dann kamen ihr Worte in den Sinn, Worte die sie vor kurzer Zeit erst gegenüber einer guten Freundin wie ein Mantra wiederholt hatte: „Zweifeln ist normal, zweifeln gehört dazu und Zuneigung ist nicht immer gleich stark.“ Sie hatte sich vorgestellt, wie es ohne ihn wäre und festgestellt, dass das auch nicht das war, was sie wollte. Verwirrt hatte sie versucht die Zigarettenkippe auf das Dach des Nachbarhauses zu werfen, war vom Balkon getreten und wieder zu ihm gekommen. Sie hatte versucht zu schlafen.
Später dann hatte sie ihm in wirren Worten erklären wollen, worüber sie nachgedacht hatte, wurde aus der Bahn geworfen von seinem ruhigen Atem und von seiner Präsenz die sie auf einmal wieder voll traf. Sie wusste, dass sie log, während sie sprach, denn sie zweifelte nicht. Mochte er auch kein Mann für’s Leben sein, so konnte sie sich keinen Mann vorstellen mit dem sie jetzt lieber ihre Zeit verbringen würde. Sie hatte ihn dann in den Arm genommen und mit der Hand vorsichtig über sein wirres Haar gestrichen; hatte gedacht, dass es ohnehin nur darum ging, den Moment zu leben. An diesem Morgen lag sie neben ihm, an diesem Morgen hatte sie auf seinem Balkon die Dächer der Stadt betrachtet. Niemand wusste, wie die kommenden Morgende sein würden und das war doch großartig.
Mit einem Lächeln und seinen Küssen auf den Lippen verließ sie das Haus. Endlich war es Frühling geworden.