Archiv für März 2011

IM ZWEIFEL FÜR DEN ZWEIFEL.

Mit einem Lächeln und seinen Küssen auf den Lippen verließ sie das Haus. Die Luft roch nach Frühlingsregen, endlich Frühlingsregen! In einigen wenigen Wochen schon würde es wieder die kleinen Schnecken geben, wegen denen sie jeden Morgen furchtbar vorsichtig sein müsste, damit sie keine zertrat.
Vor einigen Stunden hatte sie ihn beim Schlafen beobachtet, hatte die Konturen seines Gesichtes betrachtet und sich gefragt, warum sie neben genau ihm lag. Was unterschied ihn von anderen Männern, was machte ihn anziehend für sie? Sie war zum Entschluss gekommen, dass ihn gar nichts unterschied, war von ihm abgerückt und hatte über sich selbst den Kopf geschüttelt. Hatte den Übergang von seinem Hals zu seinem Kopf betrachtet und sich gewundert. Wo vor wenigen Tagen noch Worte der Schönheit in ihrem Kopf waren war nun Rauschen.
Sie war auf seinen Balkon über der Stadt gegangen um die Häuser zu betrachten und um Abstand zu gewinnen. Mit einem Mal verabscheute sie den Balkon, verabscheute die Aussicht auf die Häuser und darauf, hier noch öfter zu stehen und den Morgen anzusehen und zu rauchen. Aber dann kamen ihr Worte in den Sinn, Worte die sie vor kurzer Zeit erst gegenüber einer guten Freundin wie ein Mantra wiederholt hatte: „Zweifeln ist normal, zweifeln gehört dazu und Zuneigung ist nicht immer gleich stark.“ Sie hatte sich vorgestellt, wie es ohne ihn wäre und festgestellt, dass das auch nicht das war, was sie wollte. Verwirrt hatte sie versucht die Zigarettenkippe auf das Dach des Nachbarhauses zu werfen, war vom Balkon getreten und wieder zu ihm gekommen. Sie hatte versucht zu schlafen.
Später dann hatte sie ihm in wirren Worten erklären wollen, worüber sie nachgedacht hatte, wurde aus der Bahn geworfen von seinem ruhigen Atem und von seiner Präsenz die sie auf einmal wieder voll traf. Sie wusste, dass sie log, während sie sprach, denn sie zweifelte nicht. Mochte er auch kein Mann für’s Leben sein, so konnte sie sich keinen Mann vorstellen mit dem sie jetzt lieber ihre Zeit verbringen würde. Sie hatte ihn dann in den Arm genommen und mit der Hand vorsichtig über sein wirres Haar gestrichen; hatte gedacht, dass es ohnehin nur darum ging, den Moment zu leben. An diesem Morgen lag sie neben ihm, an diesem Morgen hatte sie auf seinem Balkon die Dächer der Stadt betrachtet. Niemand wusste, wie die kommenden Morgende sein würden und das war doch großartig.
Mit einem Lächeln und seinen Küssen auf den Lippen verließ sie das Haus. Endlich war es Frühling geworden.

Du hörst nur das Meer in deinem Kopf.

Und auf einmal liest du irgendwo das Wort „Meer“ und um dich wird es still. Du kannst dich nicht mehr konzentrieren, egal wie wichtig die Aufgabe ist, die du hattest; du kannst keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Gestern, da war ich am Meer. In meinem Kopf. Da war die Welt unwirklich, der Himmel war viel zu blau und es hat so sehr gewindet, wie es im Süden eigentlich gar nicht sein kann. Ich habe gemerkt, dass ich auf der Welt laufe, habe vorsichtig einen Fuß vor den anderen gesetzt; da, so mitten auf der Welt. Und in meinem Kopf waren die Dünen und in meinem Kopf war das Salz. Ich war mir so sicher, dass ich jetzt angekommen bin; endlich wieder am Nabel der Welt, an dem einzigen Ort an dem ich Rastlose zur Ruhe komme.
Ich wär gern mit dir am Meer gewesen, vielleicht beide schweigend in unsere eigenen Gedanken vertieft aber so, dass wir die Nähe des Anderen noch irgendwie spüren können. Du magst das Meer auch, das finde ich gut.
Und als ich da so in die Ferne blickte, hab ich mich gewundert wie es sein konnte, dass meine Kindheit stattfinden konnte, ohne dass ich sie am Meer verbracht hab.
Gestern da war ich am Meer in meinem Kopf und hab mich über die Welt gewundert, die so anders geworden ist.

VOR DER KRIPPE/ NOCH SCHNELL EINE KIPPE/ DURCHZIEHN.

Ich als theaterbegeisterter junger Mensch habe ja nun das Glück, dass es in meiner Kleinstadt einige Angebote für theaterbegeisterte junge Menschen gibt. Ich als internetsüchtiger und schreibfanatischer junger Mensch habe ja nun das Glück, dass eines der Theater in meiner theaterbegeisterten Kleinstadt die so genannte „Aktion: Blogger“ in’s Leben gerufen hat. Das Landestheater Tübingen, nämlich.
Die Aktion: Blogger sieht folgendermaßen aus: Das LTT (für alle nicht so theaterbegeisterten oder nicht so kleinstädterischen Menschen: „LTT“ ist die Abkürzung für „Landestheater Tübingen“, Anm. der Autorin) verschenkt Freikarten an coole und gutaussehende Blogger_innen und die schreiben ne Rezension über das Stück das sie sahen. So wie ich jetzt.

Ich war am vorigen Freitag in „Gespräche mit Astronauten“, einem großartigen Stück von Felicia Zeller. In „Gespräche mit Astronauten“ geht es um Kleinfamilien in reichen westlichen Staaten und um die Beschäftigung von Au-Pairs aus nicht so reichen nicht so westlichen Staaten in diesen Kleinfamilien.
Präziser: In Knautschland, da gibt es Mülltrennung und nur vegetarisches, biologisch-dynamisches Essen in den meisten Familien. Der Fernseher darf nicht zu lange anbleiben, statt einem Eis isst man lieber zwei Äpfel. Für die Wäsche gibt es einen To-Do-Korb und wer kurz duscht wird auch sauber. In Knautschland ist man nämlich politisch korrekt und viel fortschrittlicher als in Rostland, der Ukulele, der Schlamparei oder den anderen unterentwickelten Staaten in Mitropa und Trallala. Aus diesen Staaten kommen die Au-Pairs nach Knautschland – um Knautsch zu lernen, das Land zu sehn, ihre Träume wahr zu machen. Tragischerweise wird weder das mit dem „das Land sehen“ noch das mit dem „Träume wahr machen“ was, denn die Au-Pairs müssen die meiste Zeit zuhause sitzen und auf die Kinder aufpassen. Die Mütter sind ja auf Arbeit und die Väter sind im All. Und irgendwer muss sich ja um die Kinder kümmern; zum Glück gibt’s die Au-Pairs. Zum Glück machen die die ganze Zeit Überstunden. Nur irgendwie ist es nicht so richtig, dass die Kinder sich dann auf einmal mit den Au-Pairs verbundener fühlen, als mit den Müttern. Und dass die Au-Pairs nicht ewig bleiben, macht es für niemanden einfacher.

In „Gespräche mit Astronauten“ kommen alle irgendwie zu Wort. Die gestressten Mütter, die desorientierten Kinder, die freiheitssuchenden Au-Pairs, die ordnungsliebenden Knautschen und ein bisschen auch die Väter, wenn sie aus dem Weltraum zu Besuch da sind. Die Worte die sie wählen sind besonders, verwundern erst einmal und lassen aufhören. Im Programmheft ist vieles großgeschrieben, ich hab das Stück nicht gelesen, aber ich vermute da auch. „Linsensortierer/ Hülsenfruchtregistrierer/ immer alles auflisten PRO UND KONTRA wer hat wann wie oft was WER KAUFT HIER IMMER DEN KASTEN SPRUDEL/ WER GEHT MIT DEM PUDEL/ überall hängen Zettel, auf denen sowieso immer nur mein Name steht, weil er sowieso kein Bock hat, sich ständig immer überall einzutragen LASS MICH!“ Und damit ich nicht bald von meinem Amt als KleineGoettin zurücktreten muss, mach ich das vorhergehende, kursive hiermit ganz offiziell deutlich als ZITAT aus „Gespräche mit Astronauten“, in diesem Fall abgetippt aus dem LTT-Theatermagazin zum Thema Arbeit in der Spielzeit 10/11.

So. Das war jetzt sicherlich keine richtige Rezension, aber ich find das Stück zu schade für ne richtige Rezension und wenn ihr zufällig auch theaterbegeisterte Menschen seid und aus der selben Kleinstadt wie ich kommt, dann habt ihr in nächster Zeit eh noch einige Gelegenheiten euch das Stück selber anzuschauen und ich kann das nur empfehlen!