Du bist ein Mensch.

Ein Mensch wurdest du, indem du geboren wurdest. Wo du geboren wurdest, das konntest du nicht beeinflussen – und unter welchen Umständen. Vielleicht bist du in Australien geboren worden oder in Europa. Vielleicht kommst du aus dem Kosovo oder aus der Schweiz. Oder vielleicht bist du in Vietnam oder in Peru auf die Welt gekommen.

Möglicherweise bist du als Kind reicher Eltern aufgewachsen; hattest immer Lebensmittel, konntest eine gute Schulbildung genießen. Aber möglicherweise bist du auch ohne Eltern aufgewachsen, hast sie im Krieg oder durch Aids verloren, oder du musstest schon immer in Armut leben. Möglicherweise konntest du keine Schule besuchen oder du hattest in dem Land, aus dem du kommst, keine Möglichkeit, deine Meinung frei zu äußern.

Du bist ein Mensch. Und du hast ein Recht auf deine Menschenrechte. Deswegen hast du dir vielleicht irgendwann gedacht, dass es so, wie es ist, nicht mehr weitergehen kann, oder du hattest gar keine Zeit mehr, um nachzudenken, und du bist geflohen. Solltest du es irgendwie geschafft haben, nicht über einen so genannten sicheren Drittstaat eingereist zu sein, bist du möglicherweise tatsächlich als Asylberechtigte/r anerkannt worden.

Du darfst in einem Asylbewerber/innenheim wohnen, auf engstem Raum mit vielen anderen Menschen, die du kaum kennst. Du darfst dir dein Essen selbst aussuchen – aus einer immergleichen Liste mit einem Punktesystem. Du darfst das erste Jahr lang nicht arbeiten, und weil du dank der Residenzpflicht nur in dem Bezirk oder Landkreis, in dem deine Ausländerbehörde liegt, bleiben darfst, kannst du das Land, in dem du jetzt lebst, auch nicht anschauen oder mögliche Freund/innen oder Verwandte besuchen. Wenn du dann ein Jahr da bist, darfst du dir eine Arbeitsstelle suchen. Aber nur, falls wirklich keine andere arbeitssuchende Person, die sich gerade nicht auf Asyl bewirbt, die Stelle will, hast du überhaupt eine Chance auf den Job. Denn alle anderen werden dir vorgezogen.

Und dann bist du doch schon eine ganze Weile da, hast in der Zwischenzeit womöglich eine befristete Aufenthaltserlaubnis und Freunde und eine Familie in deinem neuen Land. Deine Kinder sind im Kindergarten oder in der Schule, und auch du hast die neue Sprache gelernt und dich eigentlich ganz gut eingelebt. Und dann wird dir mitgeteilt, dass dein Herkunftsland inzwischen auf der Liste der sicheren Herkunftsstaaten geführt wird und dass es keinen Grund mehr für dich gibt zu bleiben. Dass du alles verlierst, was du dir hier aufgebaut hast, dass du wieder dahin abgeschoben wirst, wo du mit soviel Mühe wegkamst.

Ein Glück, dass du ein Mensch bist.

(weil viel positives Feedback kam und ich eigentlich eh die Zeitungsartikel auch hier auf dem Blog veröffentlichen könnte.)


1 Antwort auf „Du bist ein Mensch.“


  1. 1 Ey Lou 24. Januar 2011 um 20:42 Uhr

    Letzten Herbst wurde ja wieder ausgiebig das Ende der DDR und der Fall der Berliner Mauer gefeiert. Das Ausreiseverbot in der DDR, die Mauer und die gnadenlosen Grenzkontrollen werden immer wieder als der absolute Inbegriff des Unrechtsstaates DDR hochgehalten. Oh, ein Glück, dass das alles überwunden wurde!

    Gleichzeitig schottet sich Europa mit zunehmender Militanz gegen Flüchtlingsströme ab, die das selbe wollen wie DDR-Flüchtlinge: Die Chance auf ein besseres Leben (Der Unterschied besteht darin, dass sie aus viel furchtbaren Lebensumständen fliehen als damals die DDR-Bürger)

    Was in Sachen „Flüchtlingspolitik“ (reiner Euphemismus) allein Spanien und Italien stattfindet, steht in Sachen Grausamkeit der DDR-Grenzpolitik in nichts nach. Menschen hungern an den meterhohen, schwer bewachten Grenzzäunen aus, werden im Meer abgesoffen, werden beschossen,…

    DDR-Fluchthelfer werden immer wieder als Helden hochgehalten, aber als die Cap Anamour Flüchtlinge in Seenot an Bord genommen hat, hätte die Empörung kaum größer sein können („Menschenschlepper!“). Die Ironie dieser unterschiedlichen Maßstäbe ist… verblüffend.

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