Archiv für Oktober 2010

All apologies/ they only want you when you‘re seventeen.

They only want you when you‘re seventeen
When you‘re twenty-one you‘e no fun
They take a polaroid and let you go
Say they let you know
So come on


Ladytron – Seventeen

Ich zelebriere die letzten Exzesse bevor ich zur Vernunft kommen muss. Tanze verzückt durch die Nachtstunden doch im Morgengrauen winkt mir die Pflicht schon schelmisch zu. Ich verscheuche sie mit einer Handbewegung. Mag sein, dass sie denkt, sie hätte jetzt ihren Auftritt, aber da muss ich sie doch auf ein paar Akte später vertrösten. Die Pflicht kann mich nicht in die Pflicht nehmen: Ich zelebriere die letzten Exzesse bevor ich zur Vernunft kommen müsste.

An einem anderen Ort: Bagger zermalmen meine Kindheit. Ein starkes Bild, das nicht nur Bild ist. Was bleibt ist eine leere Wohnung und ein kleiner Kaktus.

Ich werde den letzten Exzess zelebrieren und wenn die Vernunft mich ruft, dann schicke ich sie dahin wo die Pflicht sich befindet: Hinter die Bühne. Denn zuerst beginnt der Tragödie zweiter Teil. Ich rufe auf, Exzess um Exzess zügellos zu zelebrieren und das Erwachsensein auf später zu verschieben!

Zeitgleich zersplittern die Grenzen meiner Kindheit, fremde Menschen zertreten meine Puppen und die Lieder die ich sang. Nur der Kaktus steht gelassen da. Ich danke dir, Kaktus, ich danke dir, dass du überdauerst.

Morgen ist ein großer Tag für mich. Einer der Tage, auf die ich warte, seit ich denken kann. Mein 18ter Geburtstag.

Dieses Wochenende wird eingehen in die Geschichte als das Wochenende an dem keine Party stattfand, weil alle krank waren (oder: Die KleineGoettin mag meckern).

Mein Körper und ich führen Krieg gegeneinander. Von ‚miteinander‘ kann bei Krieg keine Rede sein.
Mein Körper und ich haben schon lange kein gutes Verhältnis zueinander: Ich bin gemein zu meinem Körper und der nimmt mir das übel und rächt sich.

Schon, dass ich von meinem Körper und mir als seperate Dinge spreche, sagt viel über unsere Beziehung. Eigentlich bin ich ja doch mein Körper. Eigentlich existiert da kein „ich“ außerhalb, eigentlich ist es mein Körper, der diese Zeilen schreibt.
Aber würde ich mich so heimtückisch von hinten überfallen? Mich selbst über’s Knie legen und für Wochen ausschalten? Mir Schmerzen und Fieberträume bescheren? „Dein Körper braucht Ruhe und wenn du die ihm nicht gibst, dann holt der sich die!“, sagt irgendeine Stimme in meinem Kopf. Der, mit Verlaub, auch zu meinem Körper gehört.

Und irgendwann gebe ich dann auf. Bringt ja nix, der ganze Krieg, wenn wir dann beide flachliegen; mein Körper und ich. Ich wedle ein wenig hysterisch mit der weißen Fahne und bin gut zu meinem Körper. Verbringe Tag und Nacht in Bett und Badewanne, trinke Tee en masse, am Besten ganz heiß und ernähre mich ausschließlich von Vitaminen. Selbst bei meiner wöchentlichen Radiosendung höre ich nur zu, wie zwei meiner besten Freund_innen moderieren, anstatt selbst in’s Radio zu fahren. Die Musik die sie spielen ist übrigens ganz vorzügliche Musik zum Tee trinken.

Ich finde, so langsam sollte mein Körper mein Friedensangebot mal annehmen. Ich mein, he?, das Leben wartet nicht!

Ich will so viel sagen, stattdessen sage ich gar nix.

Und ihr kriegt nur‘n paar Links. Bald is wieder Castor-Transport im Wendland und da werden wir sein und Radio machen.
Außerdem gibt’s da natürlich super-unterstützenswerte Aktionen, wie Schottern zum Beispiel. „Liebe ist… gemeinsam Schottern gehn!“
Und weil’s noch viele andere Aktionen da geben wir, kriegt ihr noch diesen Link hier.

Kennt ihr wahrscheinlich eh alles schon. Aber folgt doch dem Castorradio auf twitter und hört zu! Verschiedene freie Radios nehmen den Stream zu verschiedenen Zeiten auf. Kommt alles noch mal genauer. Yeah.

21 guns.



Die Nacht riecht nach überreifen Trauben und zerplatzt auf meiner Zunge; wird zu dickem Saft.

Es war schon empfindlich kalt und ich knöpfte meinen Mantel zu, so gut es ging: Zwei Knöpfe waren letzten Winter abgerissen und steckten seitdem in der Manteltasche. Ich war endlich auf dem Weg nach Hause, mit schmerzenden Gliedern und einem übervollen Kopf. Ich wollte nichts mehr tun, heute. So wie ich es gestern und die Tage zuvor auch schon getan hatte, würde ich mich auf mein Bett legen, die Decke anstarren und hoffen, dass der Schlaf bald kommen würde. Ich hatte ihn nötig, bitter nötig, nach allem was in den letzten Tagen und Nächten geschehen war.

Der Sand ist erkaltet, der Geruch von Moschus hängt noch immer in meinen Kleidern. Immerhin bin ich frei, denke ich. Nur immerhin?

Während die Zeit verging und ich einfach nur dalag und nicht aufhören konnte zu denken, wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich nicht mehr liebte. Warum war mir das jetzt so wichtig?
Ich wusste nicht einmal ob es stimmte dass ich nicht mehr liebte. Ich fühlte das so, aber genauso deutlich liebte ich auch. Ging das? Konnte mein Herz versteinern und hitzig glühen zugleich? Meine Gedanken verschwammen; ich schlief ein, während ich sie noch festzuhalten suchte.

Natürlich macht eine Schwalbe noch keinen Sommer!, rufe ich entgeistert, denn ich suche dich: Es ist so schön mit dir.

Mit trockenen Augen irrte ich durch eine Wüste. Ich wusste, ich war im Traum. Aber lösen konnte ich mich nicht. Jetzt noch nicht.
Als ich aufwachte, nähte ich die Knöpfe wieder an meinen Mantel.

Impressionen.

Ichweißichweiß, ich blogg grad ungewöhnlich viel (zumindest für mein Verhältnis) und dann noch die ganze Zeit über Proteste bzw. Proteste gegen Stuttgart 21. Das liegt an verschiedenen Dingen: Zum einen ist es aktuell und (mir) wichtig. Zum anderen bin ich beeindruckt, wie viele und vorallem „verschiedene“ Menschen gegen S 21 demonstrieren. Außerdem ist Stuttgart bei mir in der Nähe.
Aber vorallem glaube hoffe ich, dass durch diese Proteste bzw. durch die Reaktionen von Politik und Polizei darauf, ganz ganz viele Menschen merken, dass regiert werden nicht unbedingt so toll ist, wie das Wort „Demokratie“ suggerieren könnte. Also, dass einfach Entscheidungen für alle Menschen getroffen werden und deren Meinungen einfach beiseite geschoben.
Denn ich glaub, wenn das viele Menschen merken und auch was dagegen tun wollen, dann ist das schonmal eine ganz gute Richtung (zu ner besseren Welt, oder so).

Aber ganz abgesehen davon ist es auch toll, wie kreativ die ganzen Leute werden. Hier (und im ganzen Restinternet natürlich auch an vielen Stellen), habt ihr‘n paar Beispiele dafür. Die Bilder sind von der Großdemo in Stuttgart am 9.10.2010. Ich hab versucht, die Gesichter möglichst unkenntlich zu machen, aber wenn eine_r sich wiederfindet und nicht gerne auf nem Foto im Internet (oder einfach hier in meinem Blog; ihrwisstschon) sein mag, dann sagt mir einfach Bescheid, dann hau ich das Bild hier raus!

nothing ever burns down by itself – every fire needs a little bit of help!

„give the anarchist a cigarette!“¹

Wir alle teilen unsere Wut. Wir brauchen sie dieser Tage mehr denn je – so zumindest kommt es mir vor.
Ich lebe noch nicht lange und schon immer war ich wütend. Ich habe die Wut aus meinem Bauch heraus getanzt, habe geschrien und immer ein bisschen geglaubt, dass die Wut Wunder wirkt. Nun merken wir heftiger denn je, dass auch kollektives Tanzen, kollektives Schreien, kollektive Wut einfach abprallen an den stählernen Wänden dieser Welt. Keine Wunder. Manchmal Wunden. Immerhin Wut.

Es gibt nicht nur eine Wut. Ich bin wütend auf so vieles, auf Alltäglichkeiten von denen ich manchmal einfach vergesse, wie wütend sie mich machen. Ich bin auch wütend für Vieles. Ich bin wütend für uns, weil das sterile System es immer und immer wieder schafft uns zu verdrängen, fortzudrängen. Ich bin wütend für die Welt und für mich und für gute Bildung. Ich bin wütend für die Wut. [Für das Recht auf Wut!]

Ich muss mich sammeln. Ich denke, ich beschäftige mich dieser Tage viel zu viel mit viel zu viel.
Lass uns gemeinsam wütend sein?

________
¹: Überschrift und Kopfzeile aus „Give the anarchist a cigarette“ von Chumbawamba

Don Rosa.

Auch wenn politisch gesehn momentan ziemlich viel Kacke am Dampfen ist: Nicht alles ist schlecht.
Heute war sogar ein ganz großartiger Tag für mich, denn Don Rosa, ein von mir absolut verehrter Comic-Künstler war in meiner absolut verehrten Lieblingskneipe. Und eigentlich intressiert das keinen Menschen, aber das macht nichts, weil mich intressierts und mich bewegt das. Und dieses großartige Bild da oben hat er für mich gemalt. Uncle Scrooge mit seiner Number One! Yeah! Mit Herzchen und allem. Ich bin hin und weg! :)
Der hat sich extra ganz viel Zeit genommen, um sich mit allen Leuten zu unterhalten und so.

Und hey, wisst ihr, was ich noch gar nicht wusste? Die europäischen Übersetzungen von den Donald Duck-Comics haben mindestens einen gigantischen Fehler: Onkel Dagobert hamstert in seinem Geldspeicher im Original nämlich gar keine goldenen Taler – nein! Im Original sind das nur Nickel. Das symbolisiert nämlich viel besser den Geiz von ihm und ist voll lustig und so. Mein Weltbild hat sich grundlegend geändert, muss ich sagen. Ab jetzt nur noch Comics im Original!

Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten!

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer.
Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde:
„Ich, der Staat, bin das Volk!“

Friedrich Nietzsche

Ich war nie eine Freundin der parlamentarischen Demokratie oder überhaupt des Staates.
Aber dieser Tage wünschte ich mir so sehr wie nie, ich würde nicht in die Nachrichten schauen: Um meines Seelenheils Willen.

Es passiert gar nicht so oft (vorallem hier in Deutschland), dass so viele Leute ein Anliegen teilen und dafür auf die Straße gehen. Dass in Stuttgart nicht nur radikale Linke oder Ökos demonstrieren, sondern auch die bürgerliche Mitte im Schlosspark dabei ist, ist bekannt. Auch, dass die Proteste schon seit mehreren Monaten laufen. Beides zeigt, wie ich finde, wie wichtig es sehr vielen, auch sehr verschiedenen Menschen ist, dass das Projekt „Stuttgart 21″ nicht durchgeführt wird. Aber anstatt einen Volksentscheid durchzuführen oder den Gegner_innen des Projekts sonst irgendwie entgegenzukommen, bzw. überhaupt in einen ernsthaften Dialog mit ihnen zu treten, wird einfach gemacht: Ohne Rücksicht auf Verluste (oder auf die Meinung des „Volks“) werden Bauarbeiten begonnen, Bäume gefällt. Die unumkehrbare Entscheidung die einst getroffen wurde, wird gnadenlos durchgeprügelt (das leider im wahrsten Wortsinn).
Protest ist eine der wichtigsten Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Politik. Protestieren kann jede_r; muss jede_r dürfen. (Auch Kinder! Auch Senior_innen!) Wenn Politiker_innen oder Medien sagen, dass Demonstrant_innen selber Schuld sind, wenn sie auf bestimmte Demos gehen, dann ist das vollkommener Quatsch. Dass bei den Stuttgarter Protesten Polizeigewalt in so unverhältnismäßigen Ausmaßen angewendet wurde, ist krasseste Repression, die so gar nicht stattfinden sollte und die auf keinen Fall vorher erwartet werden konnte.

Stuttgart ist nur ein Beispiel dafür, wie Widerstandsstimmen ignoriert werden. Nicht immer eskaliert die Situation so dermaßen, aber wirkliche Mitbestimmung in der Politik durch die Einwohner_innen hier in Deutschland ist praktisch nicht möglich. Den Leuten wird begeistert erzählt, wie großartig Demokratie ist; wie großartig das Recht auf freie Meinungsäußerung doch ist. Und dann werden die Leute, die frei ihre Meinung äußern mit Wasserwerfern und Pfefferspray bedroht und angegriffen.

Ich muss sagen, eigentlich weiß ich gar nicht, was ich sagen will. Ich bin so unglaublich wütend und kann das alles nicht fassen und muss irgendetwas sagen.Vielleicht sollten wir uns unsere Revolution tanzen. Aber heute sollten wir auf jeden Fall alle um 19 Uhr in Stuttgart sein, soviel ist sicher! Jetzt geht es nicht mehr „nur“ um das Projekt „Stuttgart 21″; jetzt geht es darum für’s protestieren zu protestieren und gegen Polizeigewalt und Repression! Lasst uns zeigen, dass wir uns keine Angst machen lassen!