Eigentlich wollte ich mich nicht mehr verlieben.

Wenn die Welt in Trümmern liegt, kann man dann trotzdem schweben? Mo und ich, wir konnten das. Irgendwie. Nachmittags saßen wir oft stundenlang auf der Brücke und haben nichts zueinander gesagt, oder manchmal haben wir auch ein bisschen geredet, aber jedes einzelne Wort war dann richtig. Ich weiß nicht, es war ganz einfach, und in meiner Erinnerung ist der Himmel immer weiß an diesen Nachmittagen.

Und unten schlängeln sich Graffitys an den kahlen, grauen Mauern entlang. Kotze und Teile einer toten Taube vermischen sich. Der Edeka hat offen und einige Jugendliche betrinken sich davor. Veronica, unsere Haushaltshilfe, kommt mit dicken Tüten bepackt heraus und schaut sich um. Sie hat sich gut gehalten, die 53 sieht man ihr nicht an, auch wenn der Ansatz ihrer Haare schon wieder sichtbar herauswächst. Seit Papa weg ist ist Veronica da und der Tausch war nicht schlecht. Veronica kann kochen, immerhin. Aber Veronica ist immer öfter müde und vielleicht kommt bald eine neue Haushaltshilfe, wer weiß?

Aber das hatte auf der Brücke nichts zu suchen, all das. Hier war der Himmel weiß und der Rauch, der aus Mos Mund kam auch. Ich konnte ihn atmen hören, wenn ich meinen Kopf auf seinen Bauch legte. Am Anfang bin ich immer zusammengezuckt, wenn ein Zug kam. Dann hat Mo seinen Arm um meine Schulter gelegt und wir haben gelächelt. Es war nie so, dass wir jeder für sich auf der Brücke saßen. Immer haben wir die Nähe des Anderen gespürt. Vielleicht klingt all das ja lächerlich, aber an den Nachmittagen mit Mo hab ich nie an irgendetwas aus meinem wirklichen Leben gedacht. Ich bin einfach in den weißen Himmel gefallen und wir sind geschwebt, Mo und ich, über den Trümmern der Welt.


1 Antwort auf „Eigentlich wollte ich mich nicht mehr verlieben.“


  1. 1 Nutshell. « Die Kleine Göttin: Kopfüber in die Hölle! Pingback am 13. Dezember 2010 um 17:46 Uhr
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